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Ulrike Guggenberger: Gespräch mit Susanne Tunn, Steinbruch Fürstenbrunn, August 2007. Bern, 2008 ![]() Tunn, Susanne: Tisch des Meeres. Skagerrak, Schweden, 1995 Eine alte Holzbank im Schatten, ein verwitterter Gartentisch. Hinter uns die Quader und Schutthalden des Steinbruchs Fürstenbrunn, vor uns aber weitet sich der Blick über das Salzburger Becken und das Gegenstück zum Steinbruch, die Festung Hohensalzburg. Eine bevorzugt schöne Szenerie für die lang erhoffte Begegnung mit der Bildhauerin Susanne Tunn. Wie sich ihr ganzes Dasein kompromisslos im Gegenüber mit dem Stein ereignet, lässt sich aus dem Gespräch mit ihr erahnen. Die Gelegenheit dazu findet sich anlässlich ihres Aufenthaltes in Salzburg, wo sie die Klasse Steinbildhauerei der internationalen Sommerakademie auf Wunsch der Studenten zum wiederholten Mal leitet. Abgeschieden vom städtischen Treiben leben und arbeiten Studierende und Lehrende hier über mehrere Wochen zusammen, umgeben nur von ihrem Arbeitsmaterial, dem Untersberger Marmor. Malerin wollte sie ursprünglich werden, entdeckte aber schon während des Studiums, wie wichtig es für sie ist, mit den Händen zu arbeiten, Materialien anzufassen und zu begreifen. So wechselt Susanne Tunn ins Fach Skulptur. Nach Abschluss ihrer Studien Bildhauerei und Soziologie siedelt sie abgeschieden für eine Weile unmittelbar am Wasserlauf der Weser. "Von woher nach Wohin", der Lauf des Stromes beschäftigt ihren Gedankenfluss. "Wenn man sich einlässt, kommt es zu Begegnungen mit der Natur, die Wahrnehmung verändert sich, das Gehör wird sensibler, man geht an die äußerste Grenze und bringt andere Fähigkeiten zum Klingen." Susanne Tunns Steinobjekte entwickeln sich stets aus längeren Aufenthalten in freiem Gelände. Jeder einzelne Stein ist für Susanne Tunn ein kleines Universum für sich, darin liegt die Grundaussage ihrer Arbeitsweise. So geht sie nicht mit einem vorgefertigten Konzept an den Stein heran, sondern lässt sich vom Stein ansprechen. Mit großer Geduld nähert sie sich dem Kern des Steines, seinem Charakter an, legt einen Teil seines inneren Geheimnisses frei. ![]() Tunn, Susanne: Tisch des Meeres. Skagerrak, Scheden, 1995 Susanne Tunn lässt sich durch den Faktor Zeit nicht drängen, sie erwartet den Augenblick, wo Reflexion und Gestaltungsvision zusammentreffen. "Ich konstruiere das Objekt nicht. Ich produziere innere Bilder, sehe Farben, Formen und beachte die Steinsetzung. Wenn die Idee passt, scheue ich aber keinen Kraftaufwand." Ein Stein, der durch Wasser entstand, erzählt eine andere Geschichte als ein Stein, der sich durch glühendes Magma verfestigte. Susanne Tunns Objekte ordnen sich diesem größeren Zusammenhang bewusst unter und gewinnen auf diese Weise eine weitere Dimension. "Hier am Untersberg sitzen wir auf einem Fluss, aus der austrocknenden Wasserbewegung entstand über die Millionen Jahre ein Fels." Für sich trägt Susanne Tunn schon lange ein inneres Motiv als Thema mit sich herum: Der Tisch. Ein Gegenstand, der die menschliche Kultur durch die Jahrtausende prägt. Und eine Frage: "Wie verändert die Landschaft mich und meine Arbeit?" Beides verbindet sie in ihrem Projekt "Die Reihe der Tische". Fünf Tische sollten es werden, in völlig unterschiedlichen Landschaften, dieser Erfahrung will sie sich ausliefern. ![]() Tunn, Susanne: Tisch des Denkens. Minden, Deutschland, 1989 ![]() Tunn, Susanne: Tisch des Denkens. Minden, Deutschland, 1989 In Deutschland entstand der "Tisch des Denkens", am Skagerrak in Schweden der "Tisch des Meeres", der "Tisch der Wüste" in Spanien. Susanne Tunn bricht eines unbestimmten Tages nach Spanien auf und stößt dort auf Wüstengegend. Sie ist, wie durch all die Jahre erprobt, allein unterwegs. Die Suche nach einem Stein in der ausgetrockneten, auf ein Nichts reduzierte Landschaft gestaltet sich mühsam, ein endlich ausgewählter Stein verschwindet über Nacht. Sie muss sich schließlich für "irgendeinen" Stein entscheiden, sie will im nächsten Jahr wiederkommen. ![]() Tunn, Susanne: Tisch der Wüste. Sierra de los Filabres, Spanien. 1992 ![]() Tunn, Susanne: Tisch der Wüste. Sierra de los Filabres, Spanien. 1992 Während sie im Jahr darauf ihre Gerätschaften vorbereitet, ihren künftigen Arbeitsplatz einrichtet, nähert sich ein Hirte. Durch Deuten und karge Sätze nähert man sich einander an, dann geht jeder wieder an seine Arbeit. "Allein in der totalen Einsamkeit. Den ganzen Tag über wird man eingekreist, die Vögel am Morgen, der immer wiederkehrende Wind, tausende Insekten... ." Aus einer Vorstellung, einem inneren Bild heraus, arbeitet Susanne Tunn in die Oberfläche des Steinkubus breite rechteckige Nischen ein. Eines Tages kehrt der Hirte wieder und führt Susanne Tunn in die angrenzenden Berge. Dort zeigt er ihr Steine, die von den Hirten bearbeitet worden waren. Zu ihrem größten Erstaunen entdeckt Susanne Tunn, dass sich in diesen Steinen, auf den cm genau die gleichen Spalten finden, wie in ihrem Stein. Es sind kleine Wasserreservoirs, die die Hirten in diesen Einarbeitungen anlegen. "Ich machte also unbewusst etwas, was bereits vor mir eine lange Tradition hatte." Jahre später findet sie ihren Stein nicht mehr wieder, eine Straße war angelegt worden, an der Stelle, an der ihr Stein gelegen hatte, ist eine Wasserbohrung angelegt. "Der 'Tisch der Wüste' lehrte mich ein weiteres Mal, wie schwierig es ist, die Balance zwischen 'eine Sache laufen lassen' und 'eingreifen' zu finden". Der "Tisch des Berges" lässt lange auf sich warten. Susanne Tunn sucht nach einem Tafelberg, er findet sich endlich in der Schweiz. Eine erste Begegnung am Hochplateau ereignet sich im atmosphärischen Hochnebel, eine Stimmung die Susanne Tunn liebt. Beim Weiterwandern fällt ihr unregelmäßig vorkommender Schnittlauch auf, echter Schnittlauch. In der folgenden Nacht träumt Susanne Tunn von diesem im Hausgarten kultivierten Gewächs. ![]() Tunn, Susanne: Tisch des Berges. Alvier, Schweiz, 1999 ![]() Tunn, Susanne: Tisch des Berges. Alvier, Schweiz, 1999 Sie beschließt weitere Schnittlauchpflanzen auf der Berghöhe zu pflanzen. Vierzig Kilo Büschel Schnittlauch schleppt sie hinauf und setzt sie an den Kanten des Bergplateaus ein. Die Nutzpflanze wächst an und bildet an den Randzonen des ebenen Bergrückens eine breite Schneise. Ein gedeckter Tisch zur Selbstbedienung für Bergsteiger und zur freien Verwendung in der Küche der Hüttenwirtin. Wieder greift Susanne Tunn intuitiv vorgefundenes Material auf und hebt seine Präsenz hervor. "Ich bin eigentlich nervös und unruhig, deswegen suche ich nach einer einfachen Konstruktion, weil ich spüre, darin steckt die ganze Komplexität." "Tisch für zwei Paare und einen Hund" heißt die fünfte und letzte Installation. Sie ergibt sich in Rumänien, dem Land, in dem auch der "Tisch des Schweigens" von Constantin Brancusi angesiedelt ist. Die Reise nach Rumänien ist mit Angst besetzt, die sichtbare Armut macht Susanne Tunn zu schaffen. ![]() Tunn, Susanne: Tisch für zwei Paare und einen Hund. Transsylvanien, Rumänien, 2004 "Ich spürte auf Schritt und Tritt die Anwesenheit der Abwesenheit. Leere Häuser, verlassene Dörfer, Menschen erzählten von abwesenden, ausgewanderten Familienmitgliedern ..." Schließlich entscheidet sich Susanne Tunn für ein weitab gelegenes Waldstück. In einer größeren Wasserlache entdeckt sie fünf regelmäßige Steinbrocken. Ein Bauer mit seinem Pferd holt die Steine aus dem Wasser. Der einzige Traktor hatte kein Benzin, Seile gab es nicht, dennoch, Bauer und Pferd schafften das Unmögliche. Susanne setzt in die Leere fünf Steine, für abwesende Personen: zwei Paare und ein Hund. Sie säubert die Steinblöcke und setzt sie gerade. Ein Steinkreis im Wald, neben der nunmehr leeren Wasserlache. Mit der einheimischen Bevölkerung gelingen schöne Begegnungen. Susanne Tunn fotografiert Tische. In der Küche, im Wirtshaus, im bescheidenen Wohnzimmer, leere Verkaufstische nach einem Jahrmarkt. Nach dem Fest der Installation der Steine im Wald besucht Susanne den "Tisch des Schweigens" von Brancusi. Er war eingepackt und damit abwesend. Biografische Daten
Ausstellungen, Projekte, permanente und temporäre Installationen (Auswahl)
Sammlungen
Bibliografie
Die Autorin Mag. Ulrike Guggenberger studierte Kunstgeschichte an der Universität Salzburg. Gründungsmitglied der Kunstinitiative "KNIE" sowie der ARGE "Werkstatt im Fluss". Projekte zu Kunst im öffentllichen Raum, freie Journalistin und Kunstvermittlerin am Museum der Moderne Salzburg Mönchsberg. "Werkstatt im Fluss" ist unter "salzachwerkstatt. at" im Netz zu finden. | ||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||